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Jobcenter Brandbrief: So katastrophal sieht es in deutschen Ämtern aus

Schikane, Überlastung und wenig Lernbereitschaft auf Führungsebene – es sind heftige Vorwürfe, die ein:e anonyme:r Mitarbeiter:in in einem offenen Brandbrief an das Jobcenter Dortmund formuliert. Und doch spiegeln sie sehr gut den Alltag in den Ämtern wider und die Probleme, die sich daraus für Bürgergeld-Empfänger:innen ergeben.

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Personalmangel in den Jobcentern

„Sehr geehrter Herr Weichert“, mit diesen Worten beginnt ein knapp fünf Seiten langer Brief, den eine unbekannte Person an den Leiter des Jobcenters Dortmund und weitere Stellen geschrieben hat. Darin berichtet der bzw. die Autor:in, die selbst Arbeitnehmer:in in der Behörde ist, über ihren Arbeitsalltag. Der Einblick, den Außenstehende in das System Jobcenter dabei gewährt wird, ist erschreckend.

Das größte Problem von allen: Zu wenig Personal. In so gut wie allen Abteilungen gäbe es unbesetzte, zum Teil sogar nicht einmal eingeplante Stellen, obwohl diese dringend nötig wären. Werden dann auch noch Kolleginnen und Kollegen krank, steigt die ohnehin schon hohe Arbeitsbelastung auf ein extrem ungesundes Niveau.

Die Situation sei sogar so schlimm, dass selbst bei voller Anwesenheit der gesetzlich vorgeschriebene Betreuungsschlüssel nicht einmal ansatzweise eingehalten werden könne. Zum Verständnis: § 44c Absatz 4 SGB II gibt vor, wie viele Bürgergeld-Empfänger:innen auf einen Sachbearbeiter kommen sollen.

  • Im U25-Bereich soll das Verhältnis 1:75 sein.
  • Im Ü25-Bereich soll das Jobcenter sich um eine Verteilung von 1:150 bemühen.

Tatsächlich sei aber in allen Altersgruppen eher das doppelte oder dreifache der Standard, wie aus dem Brief hervorgeht.

Schlechte und sinnlose Jobcentermaßnahmen

Das fehlende Personal wirkt sich natürlich auch auf die Qualität der Beratung aus – wenn sie denn überhaupt stattfindet. Mittlerweile sei es gang und gäbe, Beratungstermine unter den Tisch fallen zu lassen und stattdessen einfach „Kein neuer Sachstand“ in die Akte einzutragen, um Zeit und Ressourcen zu sparen.

Doch damit nicht genug: Auch die Vermittlung in die einzelnen Maßnahmen sei eine Katastrophe. Zwar gäbe es an sich viele gute und sinnvolle Maßnahmen. Allerdings fehle es an einer guten und gezielten Beratung, in denen man gemeinsam herausfinden kann, welche Maßnahme für wen sinnvoll ist. Den Vorgesetzten gehe es in erster Linie immer noch um eine gute Statistik. Eine nachhaltige Arbeitsvermittlung sei da eher hinderlich.

Hinweis: Bürgergeldreformen nicht spürbar

Das Bürgergeld sollte eigentlich auch einen Paradigmenwechsel in den Jobcentern einläuten. Weg vom Vermittlungsvorrang und hin zur qualitativ hochwertigen Beratung. Davon ist aber offenbar nicht viel übrig geblieben. Noch immer stehen schnelle Vermittlung und gute Statistiken im Vordergrund.

Inkompetente Führungskräfte

Kritik gibt es auch für einen Großteil der Führungskräfte. Viele seien schlicht inkompetent und hätten gar keinen Bezug zu den Sorgen und Nöten von Leistungsbezieher:innen und Mitarbeiter:innen. So würden beispielsweise Beschwerden der Sachbearbeiter:innen über die Arbeitsbedingungen entweder nicht ernst genommen oder sie gehen einfach unter.

Ein Teil der Führungsebene sei noch in alten Mustern gefangen. Arbeitsmodelle wie das Home-Office oder die „unpersönliche“ Kontaktaufnahme zu den Bürgergeld-Empfänger:innen per E-Mail oder Telefon werden kritisch beäugt oder in Extremfällen sogar verboten.

Veränderungen im Jobcenter dringend notwendig

Der Brief endet mit einigen Verbesserungsvorschlägen und Denkanstößen. Folgendes könnte laut Verfasser:in helfen, die Situation für Mitarbeitende und Leistungsempfänger:innen dauerhaft zu verbessern:

  • Mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen, damit Sachbearbeiter:innen nicht mehr tatsächlich oder innerlich kündigen
  • Besser geschulte und motivierte Führungskräfte, flache Hierarchien
  • Anderes Controlling, das eine gute Beratung und langfristige Integration in den Arbeitsmarkt ermöglicht
    und
  • Vorantreiben der Digitalisierung

Es bleibt zu hoffen, dass die berechtigte Kritik Früchte trägt. Dann würde ein solcher Brief irgendwann vielleicht nicht mehr mit „ein*e ausgebrannte*r und enttäuschte*r Mitarbeiter*in“ enden.

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Geschrieben von: Paul zu Jeddeloh

Seit 2019 bereichert er unser Anwalts-Team und macht sich für die Rechte von Bürgergeld-Empfänger:innen stark. Soziale Ungerechtigkeiten räumt er aus dem Weg. Sein weitreichendes Know-how aus vergangenen Fällen und sein tiefgreifendes Wissen über aktuelle Entwicklungen im Sozialrecht verhelfen zahlreichen Ratsuchenden zum Recht.