Trotz Arbeit angewiesen auf Hartz 4

Statistik der BA: Über 40 % sind trotz Arbeit auf Hartz 4 angewiesen

Einen Job finden und nicht mehr von Hartz 4 leben müssen. Das wünschen sich die meisten Leistungsempfänger. Doch ein großer Teil der Hartz 4-Empfänger ist trotz eines Wechsels in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung weiterhin auf Leistungen nach dem SGB II angewiesen. Das ergeben aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit.

Alltag lässt sich durch Gehalt allein nicht bewältigen

Auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag folgt nun die ernüchternde Antwort der Bundesagentur für Arbeit: Über 40 % der Hartz 4-Empfänger sind trotz eines Jobs weiterhin auf Sozialleistungen angewiesen.

  • Im Jahr 2018 konnten demnach nur 58,4 % der Leistungsempfänger, nach dem Wechsel in einen Job, auch ohne Leistungen des Jobcenters ihren Alltag bewältigen.
  • Bei den über 55-Jährigen war eine bedarfsdeckende Integration in den Arbeitsmarkt noch seltener. Nur knapp 47 % waren nach einer erfolgreichen Job-Vermittlung auch tatsächlich nicht mehr auf das Jobcenter angewiesen.
  • Noch schlechter liegt die Quote der Alleinerziehenden mit nur 38,4 %.

Hinweis: Wann wird von einer bedarfsdeckenden Integration in den Arbeitsmarkt gesprochen?

Die Statistiker der Bundesagentur für Arbeit sprechen von einer bedarfsdeckenden Integration in den Arbeitsmarkt, wenn drei Monate nach Beginn einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung keine Hartz 4-Leistungen mehr gezahlt werden müssen.

Hartz 4 festigt den Niedriglohnsektor

Für die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Sabine Zimmermann, liegt dieser Tatsache ein strukturelles Problem zu Grunde. Ferner sei es für sie ein Skandal, dass Hartz 4-Empfänger unter der Androhung von Sanktionen in prekäre Beschäftigungen hinein gezwungen werden.

Durch das Hartz 4-System sind Millionen Menschen in den Niedriglohnsektor gedrängt worden. Lehnt ein Hartz 4-Empfänger einen Job ab, den das Jobcenter für zumutbar hält, drohen ihm schrittweise Sanktionen. Bei Wiederholungen kann auch der komplette Leistungsentzug erfolgen. Der Niedriglohnsektor wurde durch Hartz 4 verfestigt.

Niedriglohnsektor befördert Altersarmut

Für viele Forscher ist der Niedriglohnsektor ausschlaggebend für die steigende Altersarmut. Grund dafür sei laut des Kölner Armutsforschers, Christoph Butterwegge, die Tatsache, dass in derartigen Beschäftigungsverhältnissen kein Rentenanspruch gesammelt werden könne. Hinzu kommt, dass der Rentenanspruch häufig so gering ist, dass selbst Menschen, die Jahrzehnte gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt haben, von Armut im Alter bedroht sind.

Aktuelle Zahlen des Eduard-Pestel-Instituts für Systemforschung belegen beispielsweise, dass rund 31 % der Beschäftigten in Berlin von Altersarmut bedroht sind. Das sind 490.000 Menschen, die trotz 45 Beitragsjahren eine Rente erhalten, die unterhalb der staatlichen Grundsicherung liegt.

 

Quellen:

Berliner Morgenpost

RP Online

Der Autor: Nassir Jaghoori

Nassir Jaghoori

Er studierte in Hamburg und Speyer Rechts- und Verwaltungswissenschaften. Nach dem Referendariat beim Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg hat er sich als Angestellter der Agentur für Arbeit im SGB II spezialisiert. Als einer unserer Partneranwälte von hartz4widerspruch.de kennt er sich bestens mit den aktuellen Entwicklungen im Sozialrecht aus.

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