Flopcenter im Dezember

Weihnachten ist vorüber, das neue Jahr hat begonnen. Doch nicht überall waren die letzten Wochen besinnlich. Denn auch im Monat zum Fest der Liebe haben die Jobcenter nicht auf Schikane und Willkür verzichtet. Wir haben euch zusammengestellt, welche Flopcenter das Prinzip von Nächstenliebe am wenigstens verstanden haben.

Flopcenter Nr. 3: Berlin Tempelhof-Schöneberg

1-Euro-Jobs werden stark diskutiert. Doch nicht immer sind die Maßnahmen schlecht. Ein gutes Beispiel ist eine Initiative in Berlin Schöneberg. Bekannt als „die Werkstatt“ des Notdienstes für Suchtmittelgefährdete reinigen Langzeitarbeitslose zusammen mit ehemaligen Drogenabhängigen Parkanlagen und Spielplätze des Stadtteils.

Die Situation wirkt sich für alle Beteiligten gut aus: Die Langzeitarbeitslosen werden zurück in einen geregelten Arbeitsalltag gebracht, die Gemeinde profitiert von sauberen öffentlichen Plätzen, die von Drogenutensilien befreit wurden.

Das gut funktionierende Prinzip wird nun aber vom verantwortlichen Jobcenter gekippt. Es möchte das Programm nicht weiter verlängern. Der Grund: Angeblich zu teuer. Es will das Projekt nicht weiter finanzieren. Traurig, dass ein Jobcenter eine Maßnahme sterben lässt, die von vielen Seiten als positiv betrachtet wird. Dafür gibt es den dritten Platz unter den Flopcentern.

Flopcenter Nr. 2: Hannover

In diesem Jobcenter werden Vorurteile gelebt. Arme Leute sind dreckig und krank. Davon scheinen zumindest die Sachbearbeiter hier auszugehen. Behandlung auf Augenhöhe? Nicht mit dem Jobcenter Hannover. Wie arrogant das Verhalten der Zuständigen hier ist, musste eine junge Mutter am eigenen Leib erfahren.

Der kleine Sohn der Betroffenen erkrankte an Krätze. Dies ist eine Hautkrankheit, die in der heutigen Zeit zum Glück selten geworden ist. Der juckende Ausschlag wird von Milben übertragen und befindet sich derzeit in Norddeutschland wieder auf dem Vormarsch. Anders als die allgemeine Meinung besagt, kommt die Krankheit aber in allen Bevölkerungsschichten vor. Es ist nicht zwangsläufig eine mangelhafte Hygiene schuld an dem Ausbruch.

Dies sah die Sachbearbeiterin der jungen Mutter anders. Als diese bei einem Termin im Jobcenter von der Erkrankung des Kindes erfuhr, reagierte sie mit Abscheu und Vorwürfen gegen die Alleinerziehende. Nicht nur verlangte sie, dass die Frau sofort ihr Büro verlassen sollte, auch bezeichnete sie Krätze als Krankheit der „armen Leute“. Eine Anspielung darauf, dass nur mangelnde Sauberkeit und Pflege ein Grund für die Erkrankung des Jungen sein könne.

Die Betroffene war tief erschüttert und gedemütigt. Auch wir sind erschüttert, wie das Jobcenter Arbeitslose in die „Unterschicht“ schiebt und sich solch ein Urteil erlaubt. Dafür gibt es den zweiten Platz für das Flopcenter Hannover.

Flopcenter Nr. 1: Aachen

„Sie erhalten keine weiteren Leistungen mehr. Begründung: Sie sind verstorben.“ Nein, das ist kein schlechter Scherz. Leider. Einen Bescheid mit diesem Inhalt erhielt ein verstorbener Hartz 4-Empfänger. Ausgestellt an seinem Todestag. Freundlicherweise wurde er dennoch über sein Recht aufgeklärt, dass er innerhalb von vier Wochen Widerspruch gegen den Bescheid einlegen konnte. Und: Er solle sich doch umgehend bei seiner Versicherung melden.

Der ein oder andere mag über diesen makabren Bescheid des Jobcenters vielleicht schmunzeln. Doch für die Ex-Frau und die Kinder des Verstorbenen war er alles andere als amüsant. In einer Zeit, in der man mit so einem schmerzlichen Verlust leben muss, ist ein Fauxpas in diesem Ausmaß ein herber Schlag.

Die Familie des Verstorbenen beschwerte sich umgehend beim Jobcenter, das sich erst betroffen zeigte. Doch auf eine offizielle Entschuldigung bekam sie dennoch erst, nachdem bereits die Presse involviert war. Anstand wird im Jobcenter Aachen offensichtlich nicht groß geschrieben.
Dieses taktlose und unverschämte Verhalten bekommt daher den Platz 1 der Flopcenter aus dem Dezember.

Für dich ist auch ein Flopcenter zuständig? Sende uns deinen Hartz 4-Bescheid und wir überprüfen kostenlos, ob du alle Leistungen erhältst, die dir zustehen.

4 Replies to “Flopcenter im Dezember”

  1. Zu dem Hinweis von quantux gibt es eine Sichtweise hinzuzufügen:
    Wir sind alle prinzipiell keine Fans von sog. Ein-Euro-Jobs (Arbeitsgelegenheiten/AGH offiziell), aber es gibt eben Ausnahmen.

    Wenn Menschen aus Abhängigkeiten befreit werden wollen, dann ist es oft wichtig, aus dem Freundeskreis und den Gewohnheiten heraus zu kommen und wenn man dann die Wahl hat zwischen einer trockenen Schulung oder 20 Stunden Zupacken, dann wählt man oft die AGH.
    Die Leute rechnen dann manchmal auch das gesamte Einkommen, also den Regelsatz + KdU + Monatskarte + die Mehreinnahmen aus der AGH und kommen dann auf 11 € bis 12 € pro Arbeitsstunde, das wertet vom Gefühl her die Arbeit auf.

    Das Argument, dass es Konkurrenz zur Berliner Stadtreinigung ist, muss auch hinterfragt werden, denn ich wäre mir nicht sicher, ob es je eine Ausschreibung für den Auftrag gab. Es kann ja auch sein, dass die Anlagen einfach nicht gepflegt werden, wenn sich die Initiative nicht angeboten hätte oder dass es beim Ehrenamt landet und das ist ja auch keine Lösung, oder?

    Was mich persönlich an den AGH stört ist die Dokumentation recht persönlicher Angaben über die Betroffenen, da könnte allerdings mit den Leuten zusammen ein Weg gefunden werden und mit den Anwälten zusammen.
    AGH´en sollten nur da genehmigt werden, wo wirklich das Ziel die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt ist und wo ohne AGH keine Arbeitsplätze entstehen würden, aber hier wird viel zu wenig kontrolliert.

    1. Mir fällt auf, dass AGHen in der Regel überhaupt nicht daraufhin geprüft werden, ob sie in Konkurrenz zum regulären Arbeitsmarkt stehen – und ich muss Quantux völlig rechtgeben: Die Reinigung von Öffentlichen Grünanlagen ist ohne Wenn und Aber, ohne Abwägung was im Rahmen von Rehabilitation Suchtkranker die “nettere” Lösung, ohne Überlegung wie man sich den Stundenlohn schönrechnen kann, schlicht und ergreifend eine hoheitliche Aufgabe. Eine private Fläche muss der Eigentümer pflegen, eine öffentliche die Kommune. Basta. Und zwar nicht mit gnadenhalber zwangsverpflichteten Paria, sondern mit ordentlichen Angestellten zu ordentlichem Lohn.

      Diese Prüfung ist JCs in der Regel(!) völlig gleich. Nur bei AGHen zugunsten Suchtkranker anscheinend nicht, die Parkreinigungsaktion da ist schon der dritte Fall einer wieder eingestellten AGH, auch wenn hier nicht zugegeben wird, dass sie rechtswidrig war. Bei zwei anderen Projekten der Suchthilfe war das sogar die offizielle Begründung für die Einstellung, eines davon auch in Berlin (Fahrradwerkstatt) und eines in Frankfurt (Projektart bin ich nicht sicher, mglw. Reparaturen an Stadtmöbeln).

      Das hat noch sein ganz eigenes Geschmäckle, dass 1€-Jobs, die sonst mit Zähnen und Klauen verteidigt werden und als Ideal der “Heranführung” an Arbeit gelten, bei Projekten gekippt werden, die sich speziell an Abhängigkeitskranke richten.

      Persönlich begrüße ich es allerdings – das Primat der Lohnarbeit muss endlich fallen, Menschen befähigt werden, einen Lebenssinn ohne Lohnarbeit zu finden. Der Wert des Menschen bemisst sich nicht in seiner wirtschaftlichen Verwertbarkeit, aber genau das scheint die einzige Option für viele zu sein, einen Selbstwert zu entwickeln, und das ist nicht nur verhängnisvoll da, wo es nicht mehr genug Lohnarbeit gibt, sondern auch eine ideelle Verarmung.

  2. ” Flopcenter Nr. 3: Berlin Tempelhof-Schöneberg”

    Ich wunder mich doch sehr!
    hartz4widerspruch, ihr die immer wieder auf die Einhaltung der Gesetze seitens der Jobcenter hinweisen müsst. Und Betroffenen Leistungsberechtigten helft ihre Rechte durch zu setzen, argumentiert plötzlich bei 1€-Job´s ” alle Seiten finden dies positiv”????

    Und, wie wollt ihr nach einer solchen Aussage noch jmd glaubhaft vertreten, der/ die aufgrund eines solchen EEJ den berechtigten Wertausgleich einklagen will?

    Parkanlagen und Spielplätze reinigen als EEJ ist ganz eindeutig in (Lohn)konkurrenz zur Berliner Stadtreinigung!!!! Und damit ohne Wenn und Aber rechtswidrig!
    Es gäbe hier genug Gründe für die Staatsanwaltschaft Berlin zu ermitteln, ob
    – der Tatbestand der Steuerhinterziehung, unterstützt vom Jobcenter,
    – der Tatbestand des Vorenthalten von Sozialversicherungsleistung
    vorliegen.
    Beides strafbare Handlungen die jeweils mit Gefängnis geahndet werden können.

    Ok, dass die Berliner diese EEJ einstellt, weil angeblich zu teuer, anstatt zu zu geben, dass das Jobcenter hier klar Rechtsbruch begeht, entlockt mir nur ein kleines Schmunzeln. Von mir aus- alles was zur Einstellung dieser Zwangsarbeit führt ist mir persönlich willkommen.

    Wenn es danach ginge, dass es ” alle Seiten positiv finden” dann gäbe es bald in jedem Lebens-Bereich EEJ`s. Und damit eine Verdrängung regulärer- oftmals tariflich bezahlter- Arbeitsplätze.

    Setzt dem endlich einen Riegel vor und klärt die Betroffenen öffentlich über ihre Rechte auf!!!! Und verherrlicht nicht diese neuzeitliche Art der Ausbeutung!!

    1. Bleibt noch zu erwähnen, dass für nachweislich nicht “zusätzliche” Arbeit, die von den Erwerbslosen geleistet wurde, der Tariflohn nebst Sozialabgaben nachträglich eingefordert werden kann.

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